Jugendstil

Ju|gend|stil 〈m. 1; unz.〉 Kunstrichtung um 1900, bes. in Kunstgewerbe, Buchgestaltung u. Malerei, gekennzeichnet durch stilisierte pflanzl. Ornamente [nach der damals in München erscheinenden Zeitschrift „Jugend“ u. ihrer grafischen Ausstattung]

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Ju|gend|stil, der <o. Pl.> [nach der von 1896 an in München erschienenen illustrierten Kulturzeitschrift »Jugend«]:
(um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandene) künstlerische Stilrichtung bes. im Kunsthandwerk, in Gestaltung u. Ausstattung des Innenraums, in der Architektur, in Malerei u. Grafik, die durch dekorativ geschwungene Linien, durch flächenhaft stilisierte pflanzliche od. abstrakte Ornamente gekennzeichnet ist.

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Jugendstil,
 
in Österreich Sezessionsstil, französisch Art nouveau [ɑːrnu'vo], englisch Modern Style ['mɔdən staɪl], italienisch Stile florale, Stile lịberty [-tɪ], Stilrichtung in den angewandten Künsten, z. B. in der Architektur, daneben in Bildhauerei, Malerei, Grafik und Buchkunst; verwandte Strömungen gab es auch in Dichtung, Musik, Theater und Tanzkunst sowie in der Mode. Der Jugendstil kam im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf und dauerte bis etwa 1914. Erst spät verwendete man in Deutschland den Namen Jugendstil in Anlehnung an die Münchener Zeitschrift »Jugend« (gegründet 1896).
 
Kennzeichen des Jugendstils ist eine lineare, oft asymmetrische Ornamentik floralen oder geometrischen Ursprungs mit Verfremdungseffekten. Verfeinerte Handwerkskunst, edle und exotische Materialien, gleitender und schwingender Linienfluss und Neigung zu elitärer Geschmacksrichtung führten zu artifiziellen Kunstwerken. Die Vertreter des Jugendstils setzten sich für eine Gesamtheit der Künste ein und versuchten eine »Einheit von Kunst und Leben« herzustellen. Viele Jugendstilkünstler waren zugleich Architekten, Maler, Grafiker und Kunstgewerbler; das angestrebte Gesamtkunstwerk wurde besonders in der Innenraumgestaltung und auch in der Buchkunst verwirklicht. Während ein Teil der Forschung den Jugendstil als Aufbruch zum 20. Jahrhundert betrachtet, rechnet ihn ein anderer Teil noch zum Historismus.
 
In Frankreich entstand der Jugendstil als Gegenbewegung zum Impressionismus aus der symbolistischen Richtung É. Bernards und P. Gauguins und aus der von ihnen begründeten Künstlergruppe (Schule von Pont-Aven). Die Basis des Jugendstils wurde erweitert durch die Gruppe der Nabis. Ihr literarischer Organ war die »Revue Blanche« (1891-1903). Durch sie, die 1890 eröffnete Kunsthandlung A. Vollards und die ersten Plakate von H. de Toulouse-Lautrec wirkte der neue Stil in die Breite. É. Gallé und die Brüder August und Antonin Daum führten in Nancy die französische Glaskunst zu Weltruhm. Schmuck, Möbel, Glasfenster u. a. entwarfen G. de Feure, É. Gaillard, R. Lalique und der Tscheche A. Mucha, der sich auch um die Plakatkunst verdient machte. Auf dem Gebiet der Keramik traten v. a. Jean Carriès (* 1855, ✝ 1894) und Auguste Delaherche (* 1857, ✝ 1940) hervor. In der Architektur war H. Guimard führend.
 
In England reichen die Wurzeln des Jugendstils bis zu W. Blake und zu den Präraffaeliten, aus deren Vorstellungen sich das Arts and Crafts Movement (W. Morris, C. R. Ashbee) und die Jugendstilmalerei (Spätwerk von E. Burne-Jones, D. G. Rossetti u. a.) entwickelten. Rasche Verbreitung fand der Jugendstil besonders durch die Buchkunst (neben Morris u. a. W. Crane, C. Ricketts, C. Shannon). Mit dem vielseitig begabten A. V. Beardsley erreichte der Jugendstil in England seinen Höhepunkt. In Schottland entstand eine gesonderte kunstgewerbliche Richtung (»Schule von Glasgow«) mit C. R. Mackintosh und Margaret Macdonald.
 
In Skandinavien stehen die Werke der Maler E. Munch in Norwegen und A. Gallén-Kallela in Finnland dem Jugendstil nahe. In den Niederlanden und in der Schweiz war der Jugendstil an einzelne Künstler wie die Maler J. Toorop, F. Hodler, C. Amiet und G. Segantini und den Buchillustrator E. Kreidolf gebunden.
 
In Belgien trafen Einflüsse von Frankreich und England zusammen; am verbindlichsten vertrat H. C. van de Velde, der zugleich einflussreichste Jugendstilkünstler der Jahrhundertwende, die Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Bedeutende Leistungen im Bereich von Architektur und Inneneinrichtung erbrachten ferner V. Horta und P. Hankar in Brüssel. Jugendstilelemente erschienen in Malerei und Bildhauerei (F. Khnopff, G. Minne).
 
Die wichtigsten Zentren des Jugendstils in Deutschland waren München, Berlin und die Darmstädter Künstlerkolonie. Der Aufbruch zum neuen Stil erfolgte in München 1892 durch die Gründung der Sezession. Hier wirkten u. a. die Maler F. von Stuck, Hugo Freiherr von Habermann, C. Strathmann, der Karikaturist T. T. Heine, ferner der Bildhauer und Kunstgewerbler H. Obrist sowie die Architekten P. Behrens, A. Endell, B. Pankok und R. Riemerschmid. In Berlin waren die Maler M. Klinger, W. Leistikow, L. von Hofmann, M. Lechter als Buchkünstler und als ein Hauptmeister des Kunstgewerbes der aus München kommende O. Eckmann tätig. Zentrum des Jugendstils in Österreich war Wien, wo 1897 die Sezession gegründet wurde. Zu ihren Hauptvertretern gehörten der Maler G. Klimt, die Architekten O. Wagner, J. Hoffmann und J. M. Olbrich sowie der Kunstgewerbler K. Moser. Der Sezessionsstil bildete die Grundlage für die 1903 gegründete Wiener Werkstätte, die die Zielsetzungen des Jugendstils weiterverfolgte.
 
Zu den überragenden Persönlichkeiten des Jugendstils gehören ferner der Architekt A. Gaudí in Spanien, der Glaskünstler L. C. Tiffany in den USA und der Goldschmied P. C. Fabergé in Russland.
 
Der in der Literaturwissenschaft erst nach 1945 gebräuchlichere Begriff des literarischen Jugendstils bezieht sich vorwiegend auf die kleine Form, besonders in der Lyrik der Jahrhundertwende (v. a. bei O. J. Bierbaum, E. von Wolzogen, R. Dehmel, A. Mombert, E. Stucken), jedoch auch auf die Dichtungen von S. George, R. M. Rilke, H. von Hofmannsthal, Else Lasker-Schüler und G. Heym, soweit sie in dieser Zeit entstanden sind. Stilisiertes Naturgefühl, die Verwendung von Elementen des Mythologischen und Sagenhaft-Mittelalterlichen sowie eine Vorliebe für das Feierlich-Symbolische sind Hauptmerkmale dieser Literatur. Im außerdeutschen Sprachraum begegnen jugendstilhafte Züge im Werk von O. Wilde, M. Maeterlinck und G. D' Annunzio. Wesentlichen Einfluss hatten auch hier der französische Symbolismus und die englischen Präraffaeliten.
 
 
 
H. Hilschenz: Das Glas des J. (1973);
 G. Selle: J. u. Kunst-Industrie (1974);
 G. Sterner: J. (1975);
 M. u. D. Gerhardus: Symbolismus u. J. (1977);
 H. H. Hofstätter: Gesch. der europ. J.-Malerei (61977);
 R. Schmutzler: Art nouveau - J. (Neuausg. 1977);
 
J., Art Déco, hg. v. G. Sterner u. a. (1979);
 
Art nouveau belgique, hg. v. R. DeSmet, Ausst.-Kat. (Brüssel 1980);
 
J.-Graphik, hg. v. T. Walters (a. d. Engl., 1980);
 
Architektur des J., hg. v. F. Russell (a. d. Engl., 1982);
 L. Buffet-Challié: The Art nouveau-Style (a. d. Frz., London 1982);
 S. Wichmann: J. (41982);
 J. Mackay: Kunst u. Kunsthandwerk der Jahrhundertwende (a. d. Engl., Neuausg. 1983);
 R. Linnenkamp: J. (91984);
 
Schmuckkunst im J., bearb. v. I. Becker, Ausst.-Kat. Brohan- Museum Berlin (21989);
 
J. Seine Kontinuität in den Künsten, bearb. v. M. Haslam (a. d. Engl., 1990);
 A. Lehne: J. in Wien (Wien 21990);
 K. Eschmann: J. Ursprünge, Parallelen, Folgen (1991);
 
J., hg. v. J. Hermand (31992);
 A. Langer: J. u. Buchkunst (1994);
 
J., bearb. v. I. Franzke (21995);
 W. Ebert u. A. Bednorz: Kathedralen der Arbeit. Histor. Industriearchitektur in Dtl. (1996).
 
 
E. Hajek: Literar. J. (1971);
 D. Jost: Literar. J. (21980);
 H. Scheible: Literar. J. in Wien (1984).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Jugendstil: Einheit von Kunst und Leben
 

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Ju|gend|stil, der <o. Pl.> [nach der von 1896 an in München erschienenen illustrierten Kulturzeitschrift „Jugend“]: um die Jahrhundertwende entstandene künstlerische Stilrichtung, die sich bes. im Kunsthandwerk, in Gestaltung u. Ausstattung des Innenraums, in der Architektur sowie in Malerei u. Grafik ausprägte u. durch dekorativ geschwungene Linien, durch flächenhaft stilisierte pflanzliche od. abstrakte Ornamente gekennzeichnet ist.

Universal-Lexikon. 2012.

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